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Neue Arbeit: „Selbsterkenntnis ist schwierig“

Der erste Schritt auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung ist herauszufinden, worauf es einem dabei ankommt. WILA-Referent Günter Thoma nutzt dafür das Konzept „Neue Arbeit – Neue Kultur“ und bringt damit Menschen mit sich selbst und ihren Wünschen in Kontakt.

Interview: Katrin Poese

Welche Rolle spielt Selbstreflexion generell für ein erfülltes Arbeitsleben?

Die Selbstreflexion spielt im Konzept der Neuen Arbeit eine zentrale Rolle. Wenn man sich fragt, wie man zu einem erfüllten Arbeitsleben kommt, ist es natürlich wichtig, die eigene Situation zu durchdenken, sich über sich selbst aufzuklären. Ohne das kommt man keinen Schritt weiter. Die Frage, die wir beim Konzept Neue Arbeit stellen, ist: Was ist es, was du wirklich tun möchtest? Das ist ja eine Selbstreflexionsfrage par excellence. In dem Wörtchen „wirklich“ steckt dabei die Herausforderung, das, was man herausgefunden hat, nochmal zu hinterfragen: Ist es das, oder ist es das eben noch nicht? Habe ich mir da zu leichtfertig eine Antwort zurechtgelegt? Es ist wichtig, dass man dabei gegenüber sich selbst aufrichtig und ernst ist. Selbstreflexion ist kein Selbstläufer und keine Selbstverständlichkeit. Viele haben damit ihre Schwierigkeiten.

Woran liegt das?

Die Gründe dafür sind bei den Einzelnen unterschiedlich. Aber ein allgemeiner Grund dafür hat mit Nähe und Distanz zu tun. Je weiter weg etwas von mir ist, desto besser kann ich es erkennen, je näher es ist, desto schwieriger ist es. Die Selbsterkenntnis ist eigentlich das Schwierigste überhaupt. Schon bei den alten Griechen war der Spruch „Erkenne dich selbst“ eine große Aufgabe. Der Philosoph Frithjof Bergmann, der Begründer des Konzeptes der Neuen Arbeit, benutzt sogar den Gegenbegriff der Selbstunkenntnis, also self-ignorance, um zu sagen, dass wir relativ wenig über uns wissen. Und dass es vielen Menschen über ihr ganzes Leben hinweg so geht. Immer, wenn es um einen selbst geht, dann spielen ja auch Faktoren wie Ängste, Zweifel, mangelndes Selbstvertrauen oder Illusionen mit hinein. Diese Faktoren trüben die Selbstwahrnehmung.

Wie kommt man trotzdem zu einem guten Ergebnis?

Wie Selbstreflexion wird ergänzt durch Begegnung. Im Rahmen der Neuen Arbeit haben wir drei Schritte: Zum einen ist die Beratung eine wichtige Begegnung, und zwar, weil ich im Gespräch mit einem Gegenüber Aspekte über mich herausfinden kann, die ich möglicherweise in der Selbstreflexion nicht angehe, denen ich ausweiche, die ich gar nicht wissen will. Das andere ist: Es ist sehr gut, wenn man Menschen mit Möglichkeiten bekanntmacht, ihnen Beispiele aufzeigt. Und das dritte ist, es dann tatsächlich auszuprobieren. Erst dadurch erfährt man, ob eine Idee, die durch eigenes Nachdenken oder im Gespräch entstanden ist, auch wirklich zu einem passt. Diese Lebenspraxis, die Begegnungen, die Erfahrungen, das sind sozusagen Rohstoffe für die Selbstreflexion – und je mehr Rohstoff man hat, desto mehr kann man auch darüber nachdenken.

Wie kann man sich der Kernfrage – was ist es, was du wirklich tun willst – denn annähern? Das ist ja ein ganz schönes Brett

Ja, das ist richtig. Auf der einen Seite ist es eben diese Beratung, in der man diese Themen anspricht, Möglichkeiten vorstellt und sich den Freiraum nimmt, auszuprobieren und wo jede*r einzelne die Zeit hat, die man dafür braucht. Um zu einer Berufung zu finden, ist es außerdem ganz wichtig, dass die materielle Grundlage gegeben ist. Für viele Menschen stellt sich heraus, dass es bei einer beruflichen Neuorientierung die beste Vorgehensweise ist, einen Teilzeitjob zu haben, mit dem man sich sein Grundeinkommen verdient. Und dann erst kann man sich diesen Fragen öffnen. Wenn ich keine Existenzangst mehr habe, wenn ich mir da keine Sorgen mehr machen muss, komme ich zu ganz anderen Antworten, als wenn das immer in der Luft hängt.

Welche Fragen könnte man sich in einer Phase des beruflichen Umbruchs noch stellen?

Zum Beispiel ist eine typische Frage: Wenn ich kein Geld verdienen müsste, was würde ich dann tun? Oder: Welche Arbeit gibt mir am meisten Sinn? Diese Frage wird natürlich tausendfach gestellt, man muss sie deswegen mit dem nötigen Nachdruck stellen. Eine andere Variante: Für welche Aufgabe möchte ich leben? Eine andere, etwas salopper gestellte Frage wäre: Was müsste ich tun, um zu sagen, genau das ist mein Ding? Oder nochmal zurück zum Sinn-Aspekt: Ich habe nur dieses Leben, durch welche Tätigkeit möchte ich ihm Gewicht verleihen? Im Grunde kreisen diese Fragen alle um eine Tätigkeit, mit der ich mich identifiziere, wo ich bisher noch nicht darauf  gekommen bin, dass das in mir veranlagt ist. Der Philosoph Frithjof Bergmann glaubte, dass unglaublich viele Leute sehr diffus in dem sind, was sie wollen. Und dass die eigentliche Herausforderung zur Zeit nicht im Sollen oder Müssen besteht, sondern in dem, was man will.

Über Günter Thoma

21 07 30 Guenter Thoma Foto privatAusbildung: Studium der Ökonomie, Weiterbildung in Philosophischer Praxis, Lehrbeauftragter

Günter Thoma berät Menschen in beruflichen Übergangssituationen und engagiert sich im Netzwerk Neue Arbeit.

 Foto: © privat

 

Dieser Artikel erschien im Original im WILA Arbeitsmarkt, Ausgabe 33|2021.

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